Früher war alles besser

Montag, 13. August 2007

Der knallharte Live-Fußball-Marathon-Selbstversuch

Die meisten Junkies setzen sich den Goldenen Schuß mit Sicherheit nach einer längeren Phase des unfreiwilligen Entzugs. Könnte an einer Überdosis Fußball-Live-Übertragung verrecken, ich glaube heute abend wäre es soweit.

Seit Freitagnachmittag habe ich der Reihe nach gesehen: Die Zweitliga-Konferenz, das Eröffnungsspiel, die Erstliga-Konferenz, den Doppelpass-Stammtisch, die Zweitligakonferenz, die Erstliga-Konferenz. Zusammen mit dem nun noch folgenden Montagsspiel der zweiten Liga macht das satte 17 Stunde und 15 Minuten oder mehr als ein Tag meines wachen Lebens.

So ist es also wirklich, in der Hölle der zweiten Liga gefangen zu sein. Man will nichts verpassen, aber kann unmöglich alles mitnehmen, ohne sein Ehe und sein RL auf's Spiel zu setzen.

Samstag, 11. August 2007

Osram

Anscheinend haben das nicht alle richtig mitbekommen. Telepolis schreibt, dass Stefan Effenberg Jupp Heynckes erstmals als "Osram" tituliert habe. In der Wikipedia stand (bis ich mich der Sache angenommen habe), dass Wolfram Wuttke von Jupp Heynckes so bezeichnet worden wäre. Die Wahrheit ist: Wuttke verpasste Heynckes diesen Spitznamen, ob dessen Gesichtsfarbe im Zustand heftiger Erregung.

Ja, das waren noch Zeiten, als Fußballer ungestraft Sprüche bringen durften wie "Immer wenn ich breit bin, werde ich spitz". Heutzutage wäre schon nach der ersten Hälfte dieses Zitats eine saftige Geldstrafe fällig. Und die Legende, dass Wuttke seinem Trainer auf einem Trainingslager in die Schuhe geschissen haben soll, ist zwar unbestätigt, aber durchaus glaubwürdig.

Sonntag, 15. Juli 2007

Blattersche Scheiß-Ideen Teil 37: Keine Verlängerung mehr

Josef Blatter ist immer wieder für eine Überraschung gut. Gerade gestern fand er zum Beispiel die Verlängerung völlg überflüssig. Um mal deutlich zu machen, wie weit der junge Mann vom normalen Fußball entfernt ist, diese Aussage: "Seit es kein Golden Goal mehr gibt, macht eine Verlängerung keinen Sinn mehr.“

Um's kurz richtig zu stellen: Erstens: Das Golden Goal war die größte Scheiß-Idee der 90er-Jahre. Zweitens: Die Verlängerung ist die Essenz eines Titel-Turniers.

Gibt es was schöneres, als nach 90 Minuten zu wissen, dass es nochmal 30 Minuten weitergeht? Dass diese 30 Minuten leidenschaftlicher, umkämpfter, entscheidender werden, als alles davor? Dass jetzt der Wille über die Technik siegen wird? Dass Krämpfe nur kurzzeitig ein Hindernis für Heldentaten darstellen?

Die Antwort: Nein.

Der einzige Grund für eine Abschaffung könnten TV-Schemen sein, in die unerwartete Zeitverluste nicht reinpassen. Für Sportsleute gibt es nichts, das unfairer ist als ein Elfmeterschießen.

Mir fallen gerade gar nicht genug Beispiele ein, die Verlängerungen zu Legenden gemacht haben. Stellvertretend nenne die Halbfinals und das Finale des DFB-Pokals 83/84:

Gladbach gegen Bremen. 83. Minute, 4:3 Führung für Bremen. Mit dem Abpfiff gleicht Criens aus. Und erneut Criens in der 107. Minute sichert Gladbach den Finaleinzug.

Bayern-Schalke: Zweimal hat der 18-jährige Olaf Thon bereits einen Bayern Vorsprung egalisiert. Mit 4:4 geht es in die Verlängerung. Dieter Hoeneß bringt die Bayern in der 112. Minute in Führung. Drei Minuten später gleicht Dietz aus. Weitere drei Minuten später erneut Hoeneß zur Bayern-Führung. Mit dem Abpfiff erzwingt Olaf Thon mit seinem dritten Tor das Entscheidungsspiel, das Bayern gewinnen sollte.

Im Finale, einem Gladbacher Trauma, schießt Lothar Matthäus nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit und nach Verlängerung den entscheidenden Elfmeter in den Frankfurter Himmel und Bayern siegt 8:7.

Weitere Verlängerungs-Großtaten bitte in den Kommentaren.

Freitag, 13. Oktober 2006

Ich kicke für Bockwurst

Spielergehälter sind relativ. Aus Sicht der Profis sind sie, vor allem bei den eher durchschnittlichen Kickern, viel zu niedrig. Wie sonst ist es zu erklären, dass ein Christian Timm trotz eines Vertrags, der Kaiserslautern an den Rande des Ruins gebracht hat, knietief im Dispo steht? So tief, dass er für ein paar Mücken bei Greuther Fürth ein ums andere Mal den Aufstieg knapp verpassen muss.

Ist ja auch nicht einfach. Dolce und Gabbana ist halt nicht billig, und man will ja auch nicht zweimal dieselbe Hose anziehen müssen. Und die Öko-Steuer zehrt an der Substanz. Fragt mal Thorsten Frings, was so ein Hummer und ein Ferrari auf 100 Kilometern frisst.

Aus Sicht der Vereine wiederum sind die Gehälter viel zu hoch. Vor allem, weil alle anderen Clubs die Preise kaputt machen. Würde jeder nur so viel ausgeben, wie auf der anderen Seite wieder rein kommt - ein Ronaldinho würde nur noch auflaufen, damit die Leute wissen, wer der lustige Typ mit dem krummen Gebiss in den Nike-Werbespots ist.

Vor 30 Jahren sah das noch alles ganz anders aus. Ein Weltklassemann wie Katsche Schwarzenbeck schwang höchstens mal vor einem Schwabinger Autohaus die Werbetrommel und bekam dafür einen Teller Erbsensuppe und eine Gratis-Inspektion. Sein Gehalt bei Bayern reichte dank sparsamem Wirtschaften für eine eigene Lotto-Annahmestelle. Während sich in England Leute wie George Best wenigstens glamourös zu Tode soffen, reichte in den 80ern das karge Bremer Gehalt gerade so aus, dass sich Uli Borowka ein eigenes Kühlhaus bauen konnte, um darin an heißen Tagen einen Kasten Weizenbier zu trinken.

Einige Klassen tiefer gibt es nur noch den Kasten Bier, ohne das Kühlhaus. Als ich vor zwölf Jahren aus der Jugend in die Bezirksliga wechselte, bekam ich als Lohn eine Portion Fritten mit Bockwurst nach dem Spiel und im Falle eines Punktgewinns 20 Euro in die Mannschaftskasse. Am Ende der Saison wurden die Prämien im Sauerlandstern auf den Kopf gehauen.

Ich sollte erwähnen, dass ich ein eher unterdurchschnittlicher Manndecker war. Die Stars der Bezirksliga durften sich über höhere Zuwendungen freuen. Holte ein aufstrebender Provinzclub einen verbandsligatauglichen Stürmer griff der örtliche Bauunternehmer schon mal tief in die Tasche und überwies monatlich einen dreistelligen Betrag - für einen Dachdecker ein erklecklicher Zusatzverdienst.

Nichts gegen Dachdecker. Das ist ein ordentlicher Beruf und wenn es so wie bei mir zuhause, hin und wieder durch die Decke regnet, weiß man, was man an daran hat. Die heutigen Profis hingegen haben gar keine Zeit mehr, einen ordentlichen Beruf zu lernen. Mit circa zwölf Jahren geht es ins Fußballinternat und dann kann man froh sein, wenn es mit dem Schulabschluss klappt. Wann soll man schon lernen, zwischen den beiden Einheiten jeden Tag? Da muss man schon ein geistiger Überflieger sein wie Olli Bierhoff oder Jens Lehmann, dann klappt’s auch mit dem Fernstudium. Oder man hat einen guten Anlageberater, so wie Thomas Broich. Dann kann man es sich sogar leisten, Philosoph werden zu wollen.

Dienstag, 5. September 2006

Der Abend, an dem ich Schalke-Fan war

Ich bin Gladbach-Fan und war es Zeit meines Lebens. Daneben hat kein anderer Verein Platz. Doch an einem Abend im Jahr 1997, da war ich Fan eines anderen Vereins. Mein Jubel nach dem Sieg war keine Empathie. Sie kam ganz tief aus dem Herzen. Bevor sie herausplatzte, wusste ich gar nicht, dass sie da war. Es hatte das ganze Spiel jenseits des Bewusstseins in mir geschmort.

Schalke war überraschend in das Uefa-Cup-Finale vorgedrungen. Mit einer Mannschaft, für die ein europäisches Finale weit jenseits des Horizonts war. Aber eine Mannschaft mit einem Gesicht und einem klaren Charakter. „Eurofighter“ traf den Nagel auf den Kopf.

Man rufe sich noch mal diese Namen ins Gedächtnis: Eigenrauch, Linke, Anderbrügge, Müller, Büskens, Nemec, Latal, Wilmots, Max, Mulder. Solch eine Ansammlung von Kampfschweinen stand davor und danach in der Bundesligageschichte nicht mehr auf dem Platz. Das gesamte Karma dieser Mannschaft verströmte deutsche Tugenden, nein, Ruhrpott-Tugenden, Arbeiter-Tugenden. Selten haben Verein und Kader so perfekt zusammengepasst.

Am Abend des Finals saß ich in einer Zwangs-WG. In Südkirchen, Münsterland, auf einem Bauernhof, der einige Zimmer für Studierende aus dem nicht wesentlich größeren Nordkirchen bereithielt. Im Umkreis von 5 Kilometern keine Kneipe – Nichts. Ich saß dort mit meinen Mitbewohnern vor dem kleinen Fernseher. Einem Gladbacher, einem Schalker, einem Nicht-Fan, der nichts anderes zu tun hatte, als mit uns das Spiel zu gucken.

Nachdem Marc Wilmots den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte, erinnere ich mich nur noch daran, wie ich von Tobi (dem Schalke-Fan), Huckpack durch das Zimmer getragen wurde und mich selbst erwischte, wie ich „Schalke! Schalke!“ skandierte. Wir tranken noch drei Bier, dann war der Abend gelaufen. Ich wünschte mir, in Gelsenkirchen zu sein.

Bezeichnend ist, dass die Möglichkeiten, die Schalke heute hat immer noch auf dem damaligen Erfolg beruhen, aber dieser Erfolg niemals wiederholt werden konnte. Heute kickt nicht Mulder, sondern Kuranyi, nicht Büskens, sondern Ernst. Diven, nicht Malocher. Diese Entwicklung steht symbolisch dafür, dass es nicht reicht, gute Spieler zu kaufen, sondern passende Spieler. Nie mehr wurde die Identität des Vereins verkörpert wie 1997, in diesem Jahr und in diesem Spiel.

Die Aufstellung im Finale: Lehmann - Thon - de Kock, Linke - Eigenrauch, Müller, Büskens - Nemec, Anderbrügge - Latal (Held), Wilmots (Max)

Dienstag, 6. Juni 2006

Der Trauma-Transfer

Es war 1989 als die Borussia erstmals in neue Dimensionen vorstoßen wollte. Ausbildungsverein war früher, ab jetzt sollten es Stars sein, die die Mannschaft schmücken. Aber bereits der erste Transfer sollte sich als der einer der schlechtesten der Bundesligageschichte herausstellen - in einer Reihe mit dem Engagement von Jupp Heynckes bei Eintracht Frankfurt.

Mein Gott, war das ein Empfang. Plakate wurden gedruckt, auf denen stand. "Ich bin ein BoRusse". Der, dem die Zeilen gewidmet waren, war zwar kein Russe, sondern Ukrainer, aber seinerzeit war das eine Suppe. Vor allem war er Europas Fußballer des Jahres 1986, ein Techniker vor dem Herrn und kam mit der Empfehlung eines Europapokalsiegs und eines EM-Finals. Igor Belanow sollte Gladbach in die Elite führen.

Wir waren überzeugt, das nun bessere Zeiten anbrechen würden. Diese Verpflichtung war nichts weniger als ein Zeichen.

Womit keiner gerechnet hatte: Die Versuchungen des Kapitalismus waren Ostblock-Kickern, egal wie herausragend, unwiderstehlich. Kaum ein paar Monate am Niederrhein wurde Belanow (oder seine Frau, ich weiß es nicht mehr so genau) des Ladendiebstahls überführt. Ein Mann, der mehrere hunderttausend Mark im Jahr verdiente!

Es war so ironisch, dass man es nur durch Zynismus verarbeiten konnte. Belanow war ab dem Zeitpunkt verbrannt und ein gefundenes Fressen für gegnerische Fans. Durch Leistung konnte er das Stigma nicht kompensieren, im Gegenteil: Seine Fähigkeiten schienen geschwunden.

Er lief schließlich noch zwei Saisons für Eintracht Braunschweig in der zweiten und am Ende in der dritten Liga auf. Wohlgemerkt: Nicht zum Ausklang der Karriere, sondern in der Blüte seiner Jahre.

Dieser Transfer anno 1989 war einer der Eckpfeiler, die Gladbach in die Mittelmäßigkeit geführt haben. Eine von zwei Verpflichtungen in der Vereinsgeschichte, die Aufsehen erregte, bei der alles auf eine Karte ging.

Nachdem er Deutschland verlassen hatte, kaufte Belanow einen Verein in der Schweiz und verkaufte ihn wieder, aber trat nie mehr als Fußballer in Erscheinung.

Freitag, 7. April 2006

Ich war Vollack

Wenn kleine Jungen gegeneinander Fußball spielen, spielen nicht wirklich kleine Jungen gegeneinander. Es laufen All-Star-Teams auf. Je nach Situation verwandeln sich die Kontrahenten in den gerade passenden Weltstar- "Ich bin Beckham" schreit der Freistoßschütze, als würde alleine aufgrund dieser Ankündigung der Ball bereits im Winkel zappeln. "Dafür bin ich Kahn" konstatiert der Tormann und impliziert damit, dass er den folgenden Schuss, so platziert er auch sein möge, aus dem Winkel kratzen wird.

Um die Schwierigkeit für beide Seiten zu erhöhen, darf vor dem Anpfiff vereinbart werden, dass man das Spieler-Repertoire auf eine Mannschaft zu begrenzen hat. Traumkombinationen zwischen Ronaldinho, Ballack und Lampard sind so von vorneherein ausgeschlossen. Gleichzeitig werden Besitzanprüche geschürt. Erobert einer die gemeinsame Lieblingsmannschaft, versetzt er dem anderen einen herben psychologischen Dämpfer.

Für alle Fauen, die jetzt müde lächeln: Das ist eine wirklich ernste Sache. Wie soll man gewinnen, wenn man nur die Luschen der anderen Vereine sein darf? In der Phantasie kleiner Mönchengladbach-Fans verblasst selbst die Strahlkraft eines Zinedine Zidane vor der Macht, die der Name Peer Kluge verleiht.

Das war, davon bin ich bis heute überzeugt, der Grund, warum ich in der Regel gegen meinen Kumpel Klinkinho verlor. Er war stur. "Wenn ich nicht Gladbach sein darf, spiel ich nicht mit", verkündete er stets vor dem Duell. Ich wusste damals schon, dass der Klügere nachgibt. Also suchte ich mir einen anderen Verein aus. Der FC Bayern kam natürlich nicht bin Frage. Ich, Sören Lerby? Niemals! Dann schon lieber Lothar Woelk.

Ich versuchte mich an verschiedenen Mannschaften: Bremen, Dortmund, HSV. Leider hatten diese Teams nicht genug Qualität im Kader. Wie sonst war zu erklären, dass ich ständig verlor?

Schließlich wählte ich Uerdingen. Die waren zwar gerade erst aufgestiegen, machten aber ganz gute Anstalten. Im Tor stand Werner Vollack. In meinen Augen ist er bis heute einer des besten Keeper, den die Liga je gesehen hat, denn immer wenn ich Vollack war, schienen ungeahnte Kräfte von mit Besitz zu ergreifen. Ich parierte unhaltbare Schüsse. Ich sprang höher, als ich es je zu hoffen gewagt hatte. Leider war Uerdingen spielerisch nicht ganz so überzeugend. Solange ich Matthias Herget war, lief es ganz gut. Aber wehe, ich spielte auf mich als Friedhelm Funkel oder Wolfgang Schäfer ab.

Unter dem Strich hatte ich mit Bayer Uerdingen trotz einem Werner Buttgereit die beste Bilanz meiner Bundesliga-Karriere vorzuweisen. Deswegen bin ich bis heute dem Club im Herzen verbunden. Mein Kumpel Klinkinho hingegen mag Mönchengladbach zu diversen imaginären Titeln geführt haben. Aber kann er darauf stolz sein? Nein! Mit diesem überragenden Spieler-Potential, mit Mill, Bruns, Criens oder Hannes, hätte jeder gewinnen können. Selbst ich.

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