Dienstag, 16. Oktober 2007

Mein Fazit zum Kirch-Deal

Durch zwei verlängerte Urlaubswochenende ist es hier ein bisschen ruhig geworden, was die originären Beiträge angeht. Die Diskussion zu den letzten Posts ging aber munter weiter. Also direkt weiter mit mit einem Thema, in dem richtig was drinsteckt: Der Kirch-Deal. Dazu empfehle ich auf jeden Fall den Beitrag auf dem Ball-Blog und natürlich sehr fundiert bei dogfood hier und hier.

Was die Fakten angeht, ist an diesen Stellen schon alles gesagt, deswegen gehe ich direkt in die Abteilung "Meinung" über:

1. Kirch unfähig?

Ich verstehe den ganzen Wind darum nicht, dass Kirch die Bundesliga vor einigen Jahren "im Stich gelassen" hätte. Der Kerl ist mit seiner Firma insolvent gegangen. Das heißt nichts anderes, als dass er sich selbst am meisten ins Knie gefickt hat mit dem Deal. Er hat die Rechte deutlich zu hoch bewertet und sein Business-Modell ist nicht aufgegangen.

Wenn man als DFL in einer Versteigerung die Rechte zu extrem knapp kalkulierten Preisen raushaut, muss man das Restrisiko einrechnen, dass der Verwerter den Preis nicht refinanzieren kann.

Daraus kann man Kirch keine pauschale Unfähigkeitsbescheinigung ausstellen. In einer sehr langen Karriere zuvor hat er viel, viel mehr richtig gemacht als falsch.

2. Der Preis

Wenn ich mir den ganzen Wind nochmal um die Nase wehen lasse, den z.B. Uli Hoeneß abgesondert hat, was die Bundesliga-Rechte tatsächlich wert wären, finde ich den Abschluss extrem defensiv. Die Beträge klingen zunächst hoch (vor allem der über sechs Jahre kumulierte Betrag), aber tatsächlich ist es eine Steigerung von ca. 60 Millionen pro Saison (je nachdem welcher Rechnung man glauben will). Bis, sagen wir, 2009 ist das in Ordnung. Aber was danach geht, das könnte finanziell eine ganz andere Liga sein. Wohlgemerkt: Könnte.

Unter Umständen bleibt der Wert der Rechte auch stabil. Und dann hätte die DFL einen guten Deal gemacht. Aber wir reden hier über 2015. Und wenn dann andere europäische Ligen fetteste Kohle machen, weil die Preise steil nach oben gehen, wird der Katzenjammer groß sein.

Okay, an deutlichen Wertsteigerungen ist die DFL mit rund der Hälfte beteiligt, aber die Hälfte von verdammt viel Geld ist immer noch sehr viel Geld, dass der Liga durch die Lappen gehen könnte.

Mir scheint, dass in der DFL-Entscheidung eine Menge Risiko-Begrenzung ist, weil man nicht weiß, wie sich der Pay-TV-Markt angesichts der Breitbandevolution (und damit der Evolution der Geschäftsmodelle) entwickelt.

3. Die zentrale Produktion

Für mich ist das der eigentliche Geniestreich bei dem Deal und tatsächlich nach vorne gedacht. Um mal das Verhältnis aufzuzeigen: Wir reden jetzt über 2015. Das ist also so, als hätten wir 1999 über die aktuelle Situation diskutiert. Flächendeckende DSL-6000-Anbindung - wer hätte davon 99 auch nur geträumt? Da werden sich ganz andere Verteilungsstrukturen entwickelt haben. Vielleicht einzelne Internet-TV-Anbieter, die einzelne Spiele kaufen wollen. Was weiß ich - in dem Bereich halte ich jede angeblich sichere Prognose für Chuzpe. Mit vorproduzierten Inhalten hält man sich auf jeden Fall alle Türen offen.

Ob die DFL den Fans einen Gefallen getan hat - das bezweifele ich allerdings, weil eine Aufsplittung der Rechte zu befürchten ist. Ein Rundum-Sorglos-Paket, in dem ein Premiere alle Spiele plus CL zeigt wie 2003, halte ich zumindest ab 2012 für nicht mehr selbstverständlich.

Fazit:

Die DFL hat die auf lange Sicht sichere Alternative gewählt, die kurzfristig hohe Erträge verspricht. Dabei hat sie die potentielle Aufsplitterung der Übertragungen in Kauf genommen und einiges an Mitspracherecht auf lange Zeit aufgegeben. Gleichzeitig hat sie potentielle Profite vielleicht voreilig an Sirius abgegeben. Vieles von dem, was der Deal wert ist, hängt an noch unbekannten Faktoren, vor allem den Vorgaben für die Free-TV-Verwertung.

Kurz gesagt: Ich halte den Abschluss für einen Fehler, allerdings nicht aus Misstrauen gegenüber den neuen Rechte-Inhabern.

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Nick (anonym) - 18. Okt, 23:42

Für mich ist die entscheidende Frage, ob es für Kirch / Sirius in den nächsten 3-4 Jahren möglich sein wird, 500 Mio. € pro Saison aus dem Rechteverkauf zu erlösen. Premiere wird nur bei größerer Exklusivität bereit sein, mehr zu zahlen, deshalb dürfte eine Aufsplittung der Rechte nicht gleichbedeutend mit Mehreinnahmen sein.

Arena ist mit einer neuen Pay TV-Plattform baden gegangen - deshalb bezweifle ich, dass da die neuen Player Schlange stehen werden, auch wenn sie Produktionskosten sparen können. Die Online-Verwertung wird erst in einigen Jahren vergleichbare Summen abwerfen wie die TV-Rechte.

Ich bin also eher noch skeptischer als du, was den Deal angeht und finde (gerade als BVB-Fan), bei Kirch ist schon ein gesundes Misstrauen angebracht. Da sind doch auch wieder die gleichen Personen am Werkeln wie damals - dieser Dieter Hahn z.B., "rechte Hand" von Kirch und Verhandlungsführer bei den Gesprächen mit der DFL, hat in seiner Manager-Karriere keineswegs nur Erfolge vorzuweisen.

Dülp - 19. Okt, 20:04

Wenn es Sirius nicht gelingt, das zu erlösen, hat die DFL ja alles richtig gemacht. Die Kohle fließt dank Bürgschaft auf jeden Fall.

Die Frage die daraus resultiert lautet: Wer bestimmt über die Sendezeiten? Sirius ist davon abhängig, welches Angebot es Premiere machen kann, wie exklusiv es ist. Da wird (ich hab's nicht geprüft) die DFL ein gehöriges Wörtchen mitzusprechen haben.

Was geht ab, wenn Sirius und Premiere daruf bestehen, Sportschau erst Sonntags stattfinden zu lassen? Kann die DFL auf einen 18 Uhr-Termin bestehen?

Über neue Player brauchen wir uns sicher nicht zu unterhalten. Premiere ist das Maß der Dinge und macht die Ansage - alternativ ist nur eine eigene Verwertung von Sirius, die Arena-mäßig eine eigene Infrastruktur ausbauen müssten.

Aber perspektivisch könnten sich einige neue Interessenten aufstellen, die die Bundesliga oder nur einzelne Vereins-Serien per Breitband übertragen wollen. Mit der zentralen Produktion hat man diese Optionen zumindest wahrscheinlicher gemacht und dem Markt neue Geschäftsmodelle geboten.

Was Kirch angeht, sag ich nicht, dass sie bisher alles richtig gemacht haben, aber vieles. Und einmal sind sie mit Anlauf auf die Schnauze gefallen. Aber daraus kann ich nicht ableiten, dass sie sich nochmal völlig verkalkulieren.

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