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Freitag, 31. August 2007

The Weidenfeller Files: Schwul/Schwarz

In der letzten Woche ist eine Aufschrei durch die Blogosphäre gegangen. Kann die Titulierung „schwules Schwein“ weniger schlimm sein als „schwarzes Schwein“? Ist der DFB homophob?

Ich sage nein, und mich kotzt diese Political Correctness an. Nimmt hier irgendjemand am normalen Leben teil? Wenn ja, sollte er den Unterschied kennen zwischen diesen beiden Bezeichnungen.

Ob es die Moralwächter gut finden oder nicht: „Schwul“ ist ein gängiges Schimpfwort. „Bist du schwul?“ bedeutet im Sprachgebrauch nichts anderes als „Bist du scheiße?“ oder sanfter ausgdrückt: „Bist du bekloppt?“

Das kann man nun gut oder schlecht finden, aber gegen die Evolution der Jugendsprache kann man genauso viel oder wenig machen wie gegen eine Tsunami-Welle.

Wenn man also einem der Homosexualität gänzlich unverdächtigen Menschen entgegenschleudert. „Du schwules Schwein“, ist das genauso beleidigend wie „Du Arschloch.“. Mithin so gut wie überhaupt nicht. Denn wie Stefan Effenberg bei seiner Premiere-Co-Moderation bestätigte, ist solches „Dirty Talking“ an der Tagesordnung und stört keinen Menschen, der länger als ein Jahr Fußball - egal in welcher Klasse - spielt.

Etwas gänzlich anderes wäre die Titulierung „schwarzes Schwein“ gewesen. Die ist nicht in der Alltagssprache verankert, sondern eine konkrete, rassistische Beleidigung, die gar nicht geht. Also: Mal alle locker machen. Da man Weidenfeller nicht mehr nachweisen kann, ist diese Bestrafung schon brutal genug.

Trackback URL:
http://bolzplatz.twoday.net/stories/4218083/modTrackback

DonParrot - 1. Sep, 10:06

Naja:
Bis zur Änderung der Kleiderordnung war es doch an der Tagesordnung, die Schiris als 'Schwarze Schweine' zu bezeichnen. *fg*

saoirse - 2. Sep, 00:48

uralte freunde aus meinem früheren leben haben sogar eine band, die die schwarzen schweine heißt. und schwul ist natürlich u.a. ein schimpfwort. übrigens auch (und besonders) unter schwulen sehr beliebt.

Booga (Gast) - 2. Sep, 05:21

?

Darf ich mal fragen weshalb mein Kommentar gelöscht wurde?

Dülp - 3. Sep, 14:02

Klar: Weil er eine Beleidigung beinhaltete, die nicht als ironisch kenntlich gemacht war. Da ich für solche Kommentare hafte, lösche ich sie. Sorry, in der Beziehung nehme ich keine Rücksicht uaf Befindlichkeiten.
r0ssi - 2. Sep, 09:05

naja,was mich aber an der sache nach wie vor irritiert: warum ist es okay, schwule zu dissen und schwarze nicht? gibt es sowas wie eine diskriminierungsskala nach dem motto: schwule und moslems gehen, schwarze, behinderte und juden nicht? das ist doch bigott, oder?
ja, ich weiß, schwul wäre vermutlich nicht konkret auf die person asas gemünzt gewesen. aber vllt. sollte man sich trotzdem fragen, wes geistes kind so ein weidenfeller ist.

steckschuss - 2. Sep, 20:05

Ob man es mag oder nicht - ja, es gibt diese Skala.
"Verpiss dich, du Schwuchtel" ist auf der Eskalations-Skala weit unter "Verpiss dich, du Jude" anzusiedeln - da gibst du mir doch recht, oder?

Und ich werde auch in Zukunft zünftig "Ihr seid schwule Kölner" schmettern, aber ganz sicher niemals irgendwas Rassistisches singen/sagen/denken.
So ist das eben.
Peter Gay (Gast) - 3. Sep, 00:23

Ach,

was hast Du denn nur gegen Schwule, Schätzchen? Nichts, bestimmt. Solche Leute, wie Du haben wirklich nen Steckschuss in der Rübe. Niemals rassistisch + antisemitisch - neeeiiiiiin. Natürlich nicht. Aber ein paar Schwuchteln klatschen ist zünftig und geil, ne? Ich hoffe Du läufst in Köln nicht in die falsche Strasse, es gibt auch Schwule, die sich wehren und nicht vorher deine ach so virtuose Eskalations-Skala studieren. Küsschen.
Dülp - 3. Sep, 20:36

Ich dachte eigentlich, das wäre nicht schwer zu kapieren. Aber manchmal wollen Leute wohl falsch verstehen: "Schwul" hat sich in der Umgangssprache von seiner ursprünglichen Bedeutung gelöst und in bestimmten Zusammenhängen eine neue gewonnen. Und gerade bei dir r0ssi weiß ich aus erster Hand, dass du bei Gelegenheit gerne Gebrauch davon machst.

Und genau das, was der Herr Gay hier abzieht, meine ich mit völlig übertriebene p.c., die mir tierisch auf den Sack geht.

Dabei möchte ich den Herrn Weidenfeller gar nicht als unschuldig dastehen lassen. Auch den Kommentar "schwule Sau" kann man sich sparen. Mich stört lediglich diese scheinheilige Debatte drumherum.
r0ssi - 5. Sep, 13:06

dülp, wann hab ich denn genau das letzte mal jemanden als schwule sau tituliert?
es ist schon ein unterschied ob man etwas beleidigend meint oder nicht, oder? ich finde pc nervig, aber wnn man seinen zynismus oder ignoranz hinter anti-pc versteckt finde ich es genauso beschissen.
Dülp - 5. Sep, 22:12

Ich hab nicht behauptet, dass du das in Form einer ernst gemeinten Beleidigung verwendet hast. Aber ist es im Endeffekt ein Unterschied, ob man im Spaß "schwul" in abwertendem Kontext verwendet? Oder ist das nicht genauso gedankenlos?
steckschuss - 3. Sep, 02:54

Na, na, na, Herr Gay, wer wird denn gleich so freimütig in die Opferrolle schlüpfen?
Nochmal lesen, Spätzchen, dann nachdenken, und dann kannst du mir die Ledertucken an den Hals wünschen.
Und das mit den falschen Straßen - nur keine Bange. Im Bastard war ich erst letzte Woche, hab da recht viele Bekannte. Die finden das gar nicht schlimm, dass ich mit den anderen Gladbachern "Ihr seid schwule Kölner" singe. Was ich natürlich nicht im Bastard singen würde!

Trotz allem: Die Eskalationsskala musst du hinnehmen, fürchte ich.

Peter Gay (Gast) - 3. Sep, 10:27

Oh,

habe dich da wohl glatt missverstanden: Homophobie gehört zum Fußball einfach dazu? Ist einfach nicht so schlimm, nicht? Meinst du das mit Nachdenken? Jeder dahergelaufene Kleinbürger wird das natürlich unterschreiben. Das ist doch das Schöne an der Stadionatmosphäre. Mit schwulenfeindlichen Äußerungen ist man nie allein. Da kocht die Volksseele. Super Stimmung, überall! Super süß ist das. Weiter so.
Kann diese Eskalationsskala immer noch nicht hinnehmen, fürchte ich.
Peter Gay (Gast) - 4. Sep, 18:05

I see...

Schön, dass Sie mich zum zeitgenössischen PC-Terroristen erklären. Das hatte ich fast schob befürchtet. Noch einmal. Mich nervt Homophobie entsetzlich. Im Stadion und überall. Das geht für mich über das verniedlichende "Dirty Talking", von dem Sie reden, hinaus. Herr Dülp, vielleicht verhält es sich auch so: Das Thema ist eine Nummer zu groß für Sie. Ihre Aversion gegen PC in alle Ehren, aber den Leuten, die früher z.B. Spex gelesen haben, damit sozialisiert wurden, und schon vor 15 Jahren laut gähnen mussten, wenn wieder von der gemeinen PC-Polizei die Rede war, die so scheinheilig auf die Spaßbremse tritt, ist dieser "Wirklichkeitsfundamentalismus" (Diederichsen) ziemlich bekannt und fast schon egal geworden. Ich mag Ihr Blog! Aber Leute, wie Sie, die an ihrer kleinen Blogwelt und Blogidentität basteln, sich aber eigentlich keinen Deut von "11Freunde" in ihrem Bild des ewigen Berufsjugendlichen unterscheiden, sollten bitte nicht so tun, als seien Sie tatsächlich in der Lage, ganz souverän, so nebenbei, very casual, politische Debatten zu beherrschen. Denn hier geht es um eine solche: Ich frage noch mal an den durchschnittlichen 0815-Hetero-Fußballfan: Ist Homophobie ein Problem im Fußball oder ist es keins? Was ist scheinheilig in diesem Zusammenhang? Ist die Verschwulung der Welt schon so weit fortgeschritten, dass Homophobie einfach aufgehört hat, zu existieren? Gibt es das "Coming Out" im Fußball oder ist das weiterhin unmöglich? Wir sollten nicht über diesen dummen Torwart W. reden, sondern etwas genereller. Nur weil Rütli-Schüler und andere "Halt's Maul, du Opfer" erfunden haben, ist der Opferbegriff doch kein anderer geworden, und nur weil sich rechts und links immer mehr verflüssigen, läßt sich doch nicht daraus folgern, dass es nun kein rechts und links mehr gibt? Und nur weil jeder sagt - das stimmt im übrigen - "Bist du schwul, oder was?" heißt das doch nicht, dass diese Form nicht auch ein brutaler homophober Akt sein kann. Wenn nun Gays sich gegenseitig als "Blöde Schwuchteln" bezeichnen, oder wie historisch in den USA geschehen, das berühmte afroamerikanische Hipster-Geflüster, das bis heute im Hip Hop nachwirkt (Hey, Nigger!) etc.,dann ist das etwas vollkommen anderes: es ein Spiel mit dem Ressentiment; einerseits eine Überaffirmation, weil dem Ressentiment nicht zu entkommen ist, andererseits durch die ständige Wiederholung auch eine Dekonstruktion des Ressentiments selbst. Also, Herr Dülp, bevor sie mit ihren gefühlsduseligen Alltagssoziologie hausieren gehen, und mich zum Unsympath erklären. einfach etwas genauer werden. Nur ein mehr "deep thoughts" wären schon nicht so unsexy in diesem Zusammenhang, oder? Sonst kommt das alles nämlich wie ein sehr gewöhnlicher Relativismus rüber, mit dem man vielleicht in Mügeln punkten kann. Aber wäre das dann überhaupt ein Auswärtssieg? Wer in Mügeln punktet, hat eigentlich schon verloren...

Dülp - 4. Sep, 23:13

Mmh, klare Worte: Die Debatte ist eine Nummer zu groß für mich? Zunächst mal: Ich muss sie gar nicht beherrschen, aber meine Meinung sag ich trotzdem gerne.

Vielleicht führen wir hier auch zwei völlig verschiedene Debatten. Ich rede davon, dass ein prominenter Torhüter (nach eigener Darstellung) unbedacht ein gängiges Schimpfwort benutzt hat ohne den Beiklang zu reflektieren und deswegen in eine Ecke geschoben wird, in die man ihn nur aufgrund seines Ausfalls m.E. nicht stellen darf. Dass eben diese Worte, wenn sie so gefallen sind, nicht eine rassistische Intention hatten.

Eine völlig andere und absolut berechtigte Diskussion schneidest du hier an. Die findet aber nicht auf der Ebene Wiedenfeller statt, sondern auf einer gesellschaftlichen. Insbesondere im Fußball ist Homophobie ein echtes Problem. Nicht nur in der Bundesliga hat sich aus guten Gründen noch nie ein Spieler zu seiner Homosexualität bekannt, auch im Kreisklassenumfeld habe ich persönlich noch keinen kennen gelernt. Das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass dort ein Klima vorherrscht, in dem ein Coming-Out keine angenehme Konsequenzen hätte (sicher gibt es auch Vereine und Mannschaften, wo das kein Problem ist, aber die dürften die absolute Ausnahme sein). Als Schwuler hätte ich diesem Hobby wahrscheinlich längst den Rücken gekehrt.

Da liegen wir also wieder völlig auf einer Wellenlänge. Aber das ließ sich aus deinen ersten Kommentaren mal so gar nicht herauslesen. Die waren nicht einen Deut differenziert oder konstruktiv (wie der gerade vorhergehende) sondern einfach nur eine unnötige Pauschalverurteilung. Und auf sowas kann ich gar nicht.
Peter Gay (Gast) - 5. Sep, 01:35

Ich freue mich

... über diese Antwort und entschuldige mich für die grobe und etwas frivole Zuspitzung und Pauschalverurteilung. Das war too bitchy. Es gibt bessere Wege, seinen Unmut zu äußern. Ich hoffe "steckschuss" kann mir das auch eines Tages nachsehen. Gute Nacht + Sweet dreams.
steckschuss (Gast) - 6. Sep, 12:48

Herr Gay, ich muss ja gar nichts nachsehen. Ich wette, ein "echtes" Gespräch mit Ihnen würde mir gut gefallen und es wäre bestimmt hochinteressant.
Vorweg - ich brauche hier gar nicht meinen schwulen "Alibi-Bekannten" zu bemühen, den ja viele Heteros gern mal bei solchen Diskussionen herbeizitieren. Ich bemühe gleich eine ganze Clique von Schwulen, mit denen ich ziemlich regelmäßigen Kontakt habe. Das kommt daher, dass die beiden besten Freunde meiner Freundin schwul sind. Übrigens musste ich einen unverkrampften Umgang mit Schwulen gar nicht erst lernen, weil ich quasi gut bürgerlich, aber weltoffen erzogen bin.

Da besagte Schwule ihre Ansichten durchaus offensiv vertreten, blieb es nicht aus, dass ich das ebenso handhabe. Bestes Beispiel: Es nervt mich, wenn Schwule ihre Homosexualität wie ein regenbogenfarbenes Banner vor sich hertragen. Sobald sie im Grüppchen unterwegs sind, tunten sie rum - sonst nicht. Ich würde ja auch meine Gladbach-Klamotten nur anziehen, wenn ich ins Stadion gehe, sagen sie. Stimmt. Aber ich will ja auch identifiziert werden, alle sollen wissen, auf welcher Seite ich stehe. Das ist gewollte Abgrenzung. Was im Umkehrschluss heißt, dass das künstliche Rumgetunte auch Abgrenzung ist. Ich provoziere Reaktionen anderer Fans. Also liegt der Schluss nahe, dass das beim Rumtunten auch so ist.

Zurück zum Thema: Ich kann Dülp nur zustimmen. "Schwul" ist Alltagssprache (im Gegensatz Prof. Dietrichsen, aber dazu später). und eigentlich weiß jeder, dass damit längst kein Verbalangriff mehr gemeint ist. Würde jeder, der schon mal "Dein Hemd sieht voll schwul aus" körperlich gegen Schwule vorgehen, hätte Deutschland längst seinen Original-CSD mit Gegenwehr von Homosexuellen erlebt. Offenbar lebt es sich in Deutschland als Homosexueller gar nicht so schlecht. (Okay, vielleicht nehme ich als Kölner Hete das auch anders wahr als Schwule, die in Paderborn leben.) Übrigens: In erwähnter Schwuler Clique ist "Kleine Tunte", wie auch "kleine Schlampe" als abschätziger Ausdruck für besonders promiske Schwule an der Tagesordnung - so viel zur liberalen Einstellung Schwuler. Klar, du hast recht - wahrscheinlich fällt auch das unter die Rubrik "Spiel mit Ressentiments". Aber genau das nehme ich mir auch raus. Das mache ich einfach. Genau: Weil ich "Political Correctness" genauso wenig ab kann wie Dülp.

Stichwort "Berufsjugendlich": Die 11Freunde in diese Ecke zu stellen, ist Quatsch. 11Freunde ist einfach der gelungene Gegenentwurf zum total inhalts- und spaßfreien Kicker, aber auch zu staatstragenden Sportberichten, wie man sie manchmal (lange nicht mehr so oft wie früher) in der FAZ oder (gaaaanz lange her) im Spiegel lesen konnte.
Die 11Freunde sind nicht berufsjugendlich, sie haben nur einen eigenen Stil geprägt, der Informationen journalistisch hochwertig, aber stilistisch locker transportiert. was daran berufsjugendlich ist, kann ich nicht nachvollziehen. Dann wäre die Süddeutsche in weiten Teilen und die taz komplett "berufsjugendlich".

Wer allerdings immer noch die Spex liest (ich habe mein Abo ca. 1999 gekündigt) und Spaß daran findet, Musikthemen in Form von Texten, die selbst die Frankfurter Schule in den Schatten stellen, zu konsumieren - und nicht gemerkt hat, dass den meisten Autoren der letzten Jahre schlicht der Intellekt fehlt, um auf diesem Niveau zu diskutieren, der kann natürlich mit den 11Freunden nicht viel anfangen.

Aber ich drifte ab.
Ich mag meine kleine Welt, in der ich FC-Fans mit "Ihr seid schwule Kölner, habt Spitzebüchser aan..." ansingen kann, oder mit "Ihr seid die Hauptstadt der Schwulen" - und ich weiß, dass sie sich ärgern, auch wenn sie heldenhaft mitsingen, um den Ironie-Modus vorzugaukeln.

Mein Job ist es zumindest im Stadion, dass die anderen mich nicht leiden können. Dafür ist jedes nicht justiziable Mittel recht. Und wenn ich - wie vor Jahren - wieder so eine Chance bekomme, um den damaligen FC-Spieler Marco Reich, der mit dem Mönchengladbacher Spieler Igor Demo eine verbale Auseinandersetzung hatte, aus vier Metern Entfernung ein "Reich, halt's Maul und spiel Fußball, du Schwuchtel" entgegenschreien kann, werde ich das auch in Zukunft tun. (Natürlich nur in Ausnahmefällen, gegen Köln, Aachen oder Dortmund, zum Beispiel.)

Wenn aber echter Hass bzw. echte persönliche Aversion im Spiel ist, dann gilt immer noch das bewährte "Du Nazi".

Aber damit sind wir ja schon wieder beim Relativieren gelandet.
Eigentlich wollte ich hier in Anspielung auf DD's "Wirklichkeitsfundamentalismus" noch den Bogen zum "Betroffenheitsflagellantismus" spannen - aber das geht jetzt echt zu weit.

Verdammt, das war eine lange Rede :)

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