Der Abend, an dem ich Schalke-Fan war
Ich bin Gladbach-Fan und war es Zeit meines Lebens. Daneben hat kein anderer Verein Platz. Doch an einem Abend im Jahr 1997, da war ich Fan eines anderen Vereins. Mein Jubel nach dem Sieg war keine Empathie. Sie kam ganz tief aus dem Herzen. Bevor sie herausplatzte, wusste ich gar nicht, dass sie da war. Es hatte das ganze Spiel jenseits des Bewusstseins in mir geschmort.
Schalke war überraschend in das Uefa-Cup-Finale vorgedrungen. Mit einer Mannschaft, für die ein europäisches Finale weit jenseits des Horizonts war. Aber eine Mannschaft mit einem Gesicht und einem klaren Charakter. „Eurofighter“ traf den Nagel auf den Kopf.
Man rufe sich noch mal diese Namen ins Gedächtnis: Eigenrauch, Linke, Anderbrügge, Müller, Büskens, Nemec, Latal, Wilmots, Max, Mulder. Solch eine Ansammlung von Kampfschweinen stand davor und danach in der Bundesligageschichte nicht mehr auf dem Platz. Das gesamte Karma dieser Mannschaft verströmte deutsche Tugenden, nein, Ruhrpott-Tugenden, Arbeiter-Tugenden. Selten haben Verein und Kader so perfekt zusammengepasst.
Am Abend des Finals saß ich in einer Zwangs-WG. In Südkirchen, Münsterland, auf einem Bauernhof, der einige Zimmer für Studierende aus dem nicht wesentlich größeren Nordkirchen bereithielt. Im Umkreis von 5 Kilometern keine Kneipe – Nichts. Ich saß dort mit meinen Mitbewohnern vor dem kleinen Fernseher. Einem Gladbacher, einem Schalker, einem Nicht-Fan, der nichts anderes zu tun hatte, als mit uns das Spiel zu gucken.
Nachdem Marc Wilmots den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte, erinnere ich mich nur noch daran, wie ich von Tobi (dem Schalke-Fan), Huckpack durch das Zimmer getragen wurde und mich selbst erwischte, wie ich „Schalke! Schalke!“ skandierte. Wir tranken noch drei Bier, dann war der Abend gelaufen. Ich wünschte mir, in Gelsenkirchen zu sein.
Bezeichnend ist, dass die Möglichkeiten, die Schalke heute hat immer noch auf dem damaligen Erfolg beruhen, aber dieser Erfolg niemals wiederholt werden konnte. Heute kickt nicht Mulder, sondern Kuranyi, nicht Büskens, sondern Ernst. Diven, nicht Malocher. Diese Entwicklung steht symbolisch dafür, dass es nicht reicht, gute Spieler zu kaufen, sondern passende Spieler. Nie mehr wurde die Identität des Vereins verkörpert wie 1997, in diesem Jahr und in diesem Spiel.
Die Aufstellung im Finale: Lehmann - Thon - de Kock, Linke - Eigenrauch, Müller, Büskens - Nemec, Anderbrügge - Latal (Held), Wilmots (Max)
Schalke war überraschend in das Uefa-Cup-Finale vorgedrungen. Mit einer Mannschaft, für die ein europäisches Finale weit jenseits des Horizonts war. Aber eine Mannschaft mit einem Gesicht und einem klaren Charakter. „Eurofighter“ traf den Nagel auf den Kopf.
Man rufe sich noch mal diese Namen ins Gedächtnis: Eigenrauch, Linke, Anderbrügge, Müller, Büskens, Nemec, Latal, Wilmots, Max, Mulder. Solch eine Ansammlung von Kampfschweinen stand davor und danach in der Bundesligageschichte nicht mehr auf dem Platz. Das gesamte Karma dieser Mannschaft verströmte deutsche Tugenden, nein, Ruhrpott-Tugenden, Arbeiter-Tugenden. Selten haben Verein und Kader so perfekt zusammengepasst.
Am Abend des Finals saß ich in einer Zwangs-WG. In Südkirchen, Münsterland, auf einem Bauernhof, der einige Zimmer für Studierende aus dem nicht wesentlich größeren Nordkirchen bereithielt. Im Umkreis von 5 Kilometern keine Kneipe – Nichts. Ich saß dort mit meinen Mitbewohnern vor dem kleinen Fernseher. Einem Gladbacher, einem Schalker, einem Nicht-Fan, der nichts anderes zu tun hatte, als mit uns das Spiel zu gucken.
Nachdem Marc Wilmots den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte, erinnere ich mich nur noch daran, wie ich von Tobi (dem Schalke-Fan), Huckpack durch das Zimmer getragen wurde und mich selbst erwischte, wie ich „Schalke! Schalke!“ skandierte. Wir tranken noch drei Bier, dann war der Abend gelaufen. Ich wünschte mir, in Gelsenkirchen zu sein.
Bezeichnend ist, dass die Möglichkeiten, die Schalke heute hat immer noch auf dem damaligen Erfolg beruhen, aber dieser Erfolg niemals wiederholt werden konnte. Heute kickt nicht Mulder, sondern Kuranyi, nicht Büskens, sondern Ernst. Diven, nicht Malocher. Diese Entwicklung steht symbolisch dafür, dass es nicht reicht, gute Spieler zu kaufen, sondern passende Spieler. Nie mehr wurde die Identität des Vereins verkörpert wie 1997, in diesem Jahr und in diesem Spiel.
Die Aufstellung im Finale: Lehmann - Thon - de Kock, Linke - Eigenrauch, Müller, Büskens - Nemec, Anderbrügge - Latal (Held), Wilmots (Max)
Dülp - 5. Sep, 22:04
11 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Don Z (Gast) - 5. Sep, 22:40
Tztztz - unglaublich
Also das hätte ich nicht von dir gedacht. Klar galten meine Sympathien damals auch den Schalkern, und ich hab' mich natürlich auch für sie gefreut, aber bevor ich "Schalke, Schalke" skandierend irgendwo rumlaufen würde müsste doch einiges mehr passieren.
Dülp - 6. Sep, 10:16
Könnte daran liegen, dass ich aus einer teilweise Schalke-affinen Familie stamme
Pistolero - 6. Sep, 10:15
Schöne Story...
... ja, auch ich hab damals in meiner Potsdamer WG gesessen vor einem kleinen Fernseher, ein Schalke Fan war dabei, ich (HSV) und noch einer vom VfB Lübeck und einer von Bayer Uerdingen (!!!)...
Ich fand’s auch geil, das Schalke gewonnen hat, und wir haben so ziemlich alles ausgetrunken, was da war.
Aber das geilste war der Spruch vom Kommentator (war es Marcel R.?), der die Kampf- und Laufbereitschaft der Mannschaft am Beispiel von Nemec festmachte und in höhere Sphären hob:
"Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Nemec"
Noch heute versuche ich den Spruch im Volkspark anzubringen und tausche dann den Namen willkürlich aus. Im Moment bin ich jedoch etwas stiller geworden....
Ich fand’s auch geil, das Schalke gewonnen hat, und wir haben so ziemlich alles ausgetrunken, was da war.
Aber das geilste war der Spruch vom Kommentator (war es Marcel R.?), der die Kampf- und Laufbereitschaft der Mannschaft am Beispiel von Nemec festmachte und in höhere Sphären hob:
"Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Nemec"
Noch heute versuche ich den Spruch im Volkspark anzubringen und tausche dann den Namen willkürlich aus. Im Moment bin ich jedoch etwas stiller geworden....
Suedtribuene - 6. Sep, 11:06
Der Wechsel von Malochern zu Diven erinnert mich übrigens an Borussioa Dortmund in den 90ern. Mit ähnlichem Erfolg.
kurtspaeter - 6. Sep, 16:15
Wäre nicht der Mai 2001
gewesen, wäre diese Saison sicher das emotionale Highlight meiner Schalker Karriere gewesen.
Im positiven ist das ja auch so.
Begonnen hat das aber schon im vorletzten Saisonspiel der Vorsaison. Da machte Andi Müller in der 90.Minute das 2:1 gegen die von Beckenbauer trainierten Bayern, S04 war sicher im UEFA-Cup, Lüdenscheid dadurch Meister und der ganze Oberrang des Parkstadions bebte und wackelte und man hatte Angst, das das Ding runterkommt.
Im UEFA-Cup war dann jede Runde zittern, grad weil das Selbstbewußtsein als Schalke Fan nict unbedingt ausgeprägt war. Schon gegen Roda in der ersten Runde rechnete jeder mit dem Ausscheiden. Dann wurde auch noch Berger rausgeschmissen und Stevens geholt, den keine Sau kannte und das Mißfallen war groß. Aber die Null stand in jedem Heimspiel und auswärts kämpfte man sich wie Du schreibst durch die 90 Minuten.
Das Finale schließlich hab ich in San Siro verfolgt, bzw eigentlich wie in Trance Fingernägel kauend und Schachtelweise Kippen rauchend in Erinnerung. Nach Zamoranos Tor zehn Minuten vor Schluß habe ich nur noch auf Elferschießen gehofft. Dieses fand leider aufs andere Tor statt, aber ich stand genau mittig und sehe heute noch den Flug von Wilmots Elfer vor mir. Sowieso DER entscheidende Spieler dieses Jahres. Die Rückfahrt führte dann nonstop von Milano nach Gelsenkirchen (mit dem ein oder anderen Bier) um die Mannschaft zu empfangen.
Hach. War schon geil.
Ansonsten hat @Pistolero Werner Hansch das Spiel kommentiert und unser größter Coup war nicht das Hochrecken des Pokals, sondern der Kauf von Hami Mandirali für Unsummen, weil der für Trabszon gegen uns so gut war...
Nachtrag: Deine Aufstellung stimmt so nicht ganz: Lehmann-Thon-Linke-de Kock-Latal(111.Held)-Eigenrauch-Müller(98.Anderbrügge)- Nemec-Büskens-Wilmots-Max
So stimmts.
Im positiven ist das ja auch so.
Begonnen hat das aber schon im vorletzten Saisonspiel der Vorsaison. Da machte Andi Müller in der 90.Minute das 2:1 gegen die von Beckenbauer trainierten Bayern, S04 war sicher im UEFA-Cup, Lüdenscheid dadurch Meister und der ganze Oberrang des Parkstadions bebte und wackelte und man hatte Angst, das das Ding runterkommt.
Im UEFA-Cup war dann jede Runde zittern, grad weil das Selbstbewußtsein als Schalke Fan nict unbedingt ausgeprägt war. Schon gegen Roda in der ersten Runde rechnete jeder mit dem Ausscheiden. Dann wurde auch noch Berger rausgeschmissen und Stevens geholt, den keine Sau kannte und das Mißfallen war groß. Aber die Null stand in jedem Heimspiel und auswärts kämpfte man sich wie Du schreibst durch die 90 Minuten.
Das Finale schließlich hab ich in San Siro verfolgt, bzw eigentlich wie in Trance Fingernägel kauend und Schachtelweise Kippen rauchend in Erinnerung. Nach Zamoranos Tor zehn Minuten vor Schluß habe ich nur noch auf Elferschießen gehofft. Dieses fand leider aufs andere Tor statt, aber ich stand genau mittig und sehe heute noch den Flug von Wilmots Elfer vor mir. Sowieso DER entscheidende Spieler dieses Jahres. Die Rückfahrt führte dann nonstop von Milano nach Gelsenkirchen (mit dem ein oder anderen Bier) um die Mannschaft zu empfangen.
Hach. War schon geil.
Ansonsten hat @Pistolero Werner Hansch das Spiel kommentiert und unser größter Coup war nicht das Hochrecken des Pokals, sondern der Kauf von Hami Mandirali für Unsummen, weil der für Trabszon gegen uns so gut war...
Nachtrag: Deine Aufstellung stimmt so nicht ganz: Lehmann-Thon-Linke-de Kock-Latal(111.Held)-Eigenrauch-Müller(98.Anderbrügge)- Nemec-Büskens-Wilmots-Max
So stimmts.
Dülp - 7. Sep, 20:33
Okay, dem wandelnden Schalke-Lexikon mag ich nicht widersprechen. Ich hatte die Aufstellung von fussballdaten.de abgepinnt.
horst (Gast) - 6. Sep, 18:31
südkirchen...
wenn man in südkirchen schalke zusehen muss, wie es einen titel gewinnt, dann kann man schonmal verrückt werden...also sei dir verziehen.
deine 5km-keine-kneipe-grenze ist allerdings noch recht gut gemeint. in der realität ist es bestimmt das doppelte ; )
deine 5km-keine-kneipe-grenze ist allerdings noch recht gut gemeint. in der realität ist es bestimmt das doppelte ; )
sternburg (Gast) - 6. Sep, 20:13
Ohje, ich kannte damals keinen, der nicht plotzlich Schalke-Fan war. Wenn auch meist nur kurz. Das war schon ein sehr, sehr beeindruckendes Team.
Wie erwähnt, die Runden davor waren auch spannend. Ich erinere mich bspw., wie in der Schlussphase in Brügge (?) der Müller (?) einen Ball aus dem eigenen Strafraum 20m "befreiungsköpfte". Und der Kommentator (zu recht) meinte, dies sei jetzt ein Stück weit für die Galerie gewesen. Hach, kämpfen für die Galerie..
Wie erwähnt, die Runden davor waren auch spannend. Ich erinere mich bspw., wie in der Schlussphase in Brügge (?) der Müller (?) einen Ball aus dem eigenen Strafraum 20m "befreiungsköpfte". Und der Kommentator (zu recht) meinte, dies sei jetzt ein Stück weit für die Galerie gewesen. Hach, kämpfen für die Galerie..
herrtobe - 7. Sep, 00:31
Argh ja, da hab ich mich auch gefreut für Schalke. Aber wenige Tage vorher war ich auch schwer begeistert, als eine ähnlich coole Mannschaft die Champions League gewonnen hat. Hach, Klos, Reuter, Sammer, Kohler (!), Kree, Ricken. Großartiges Team.
Okay, ich weiß, an sowas denkst du nicht, kann ich auch verstehehn, aber hey, ich musste es erwähnen.
Aber nun wende ich mich wieder der Regionaliga zu.
Okay, ich weiß, an sowas denkst du nicht, kann ich auch verstehehn, aber hey, ich musste es erwähnen.
Aber nun wende ich mich wieder der Regionaliga zu.
Dülp - 7. Sep, 20:37
Ähnlich cool fand ich den BVB damals aber gar nicht. Da spielten schon einige Millionen-Einkäufe und Jungs, die richtig Fußball spielen konnten. Okay, Ricken war ne Wucht, aber Sammer, Kohler, Reuter waren Weltstars.
herrtobe - 7. Sep, 22:39
Aber noch sehr coole Weltstars.

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