Das dunkelste Kapitel
Der Ku'damm lag in schwarz, weiß und grün vor mir. Kuttenträger bevölkerten Cafés, die sonst promenierenden Touristen vorbehalten waren. Einige reckten Repliken des Pokals über ihre Köpfe, den wenige Stunden später Michael Klinkert den jubelnden Massen entgegenstrecken sollte. Ich taumelte der Gedächtniskirche entgegen, elektrisiert von der Atmosphäre, in einer Stadt, in der man immer noch den Duft der Wiedervereinigung einatmete.
Am Morgen des Vortags hatte ich keine Ahnung, dass ich kaum 24 Stunden später dort sein würde. Ich kam aus der Schule. Zuhause erwartete mich eine Familienversammlung: Mein Cousin Wilfried, der bei einem Sponsor der Borussia arbeitete, hatte sechs Karten für das Pokalfinale. Für DAS Pokalfinale. Das Spiel, in dem nichts schiefgehen konnte. Mönchengladbach gegen einen Zweitligisten. Und die Karten waren noch zu haben.
Zwei Stunden später befanden wir uns auf der Autobahn. Meine Cousins Edgar und Jens, meine Cousine Steffi, Arndt, Edgars Kumpel, und ich. Mit aus den Fenstern flatternden Schals fuhren wir Richtung Osten.
Spät abends erreichten wir unser Ziel, nachdem wir die letzten Kilometer mit 90 Stundenkilometern über holprigen Autobahnen geschlichen waren. Der Aufbau Ost war erst Plan. Zwischen Kreuzberg und Neukölln lag unser Quartier: Irgendeiner von uns kannte jemanden, der uns seine baufällige Bude für das Wochenende überlassen hatte. Die Uhrzeit, stellten wir schnell fest, ist in Berlin meistens egal. Um drei Uhr morgens kehrten wir in eine Kneipe ein, die noch drei Stunden wunderbar kaltes Schultheiss servierte.
Der Platz vor der Gedächtniskirche präsentierte sich am nächsten Tag wie der Markt in Mönchengladbadch-Eicken. Freunde und Bekannte wurden per Handschlag begrüßt. Die wenigen Rot-Schwarzen wurden verhöhnt. Nichts stand uns im Weg.
Wir waren eine brodelnde Masse, als wir die Bahnstation Olympiastadion erreichten. Das Adrenalin rauschte durch uns. Ein trauriger Fan stand am Ausgang mit einem Schild in der Hand: "Suche Karte". Wir gingen zu ihm hin.Ja, wir hätten ein Ticket übrig. Was er bereit wäre zu zahlen. Er habe nur noch 20 Mark knirschte er ohne Hoffnung. Wir gaben ihm die Karte. Wir dachten, wir würden ihm Eintritt zu dem größten Erlebnis seines jungen Lebens verschaffen. Und er auch.
Vier Stunden später waren wir erstarrt. Nach 120 Minuten war das Spiel nicht entschieden. Karlheinz Pflipsen war gerade mit dem vorletzten Elfmeter an Jörg Sievers gescheitert. Pflipsen, das junge Talent. Pflipsen, der eigentlich gar nicht schießen sollte, aber antrat, weil die Routiniers sich gedrückt hatten.
Ein letzter Hoffnungsschimmer: Uwe Kamps pariert Oliver Freunds Strafstoß. Dann läuft der erfahrene Holger Fach an: Flach in die Ecke, Sievers taucht ab und hält sicher. Rot und Schwarz stürmt auf das Spielfeld. Hannover hat die Sensation geschafft. Wir sind, von einer Sekunde auf die andere, nüchtern.
Drei Stunden später fuhren wir erneut über die Buckelstrecke zwischen Berlin und Kassel. Cousine Steffi hatte insistiert, dass wir noch das ganze Wochenende Zeit gehabt hätten, die Stadt anzuschauen. Checkpoint Charlie, die Mauer, den Alex. Ihre männlichen Begleiter konnten nicht schnell genug die Flucht ergreifen. Was soll man durch eine Stadt gehen, wenn man die ganze Zeit nur "Scheiße" schreien könnte.
Das war der Tag, der mir das Schicksal meines restlichen Lebens skrupellos vor Augen geführt hat. Werde niemals Fan eines Fußballvereins. Wieviele Täler musst du durchlaufen, um einmal den Gipfel zu erreichen? Wirst du jemals einen Gipfel erreichen? Es wurde nicht viel gesprochen in den acht Stunden bis wir die kleine Stadt kurz vor der holländischen Grenze erreicht hatten. Es waren die längsten acht Stunden meines Lebens.
Am Morgen des Vortags hatte ich keine Ahnung, dass ich kaum 24 Stunden später dort sein würde. Ich kam aus der Schule. Zuhause erwartete mich eine Familienversammlung: Mein Cousin Wilfried, der bei einem Sponsor der Borussia arbeitete, hatte sechs Karten für das Pokalfinale. Für DAS Pokalfinale. Das Spiel, in dem nichts schiefgehen konnte. Mönchengladbach gegen einen Zweitligisten. Und die Karten waren noch zu haben.
Zwei Stunden später befanden wir uns auf der Autobahn. Meine Cousins Edgar und Jens, meine Cousine Steffi, Arndt, Edgars Kumpel, und ich. Mit aus den Fenstern flatternden Schals fuhren wir Richtung Osten.
Spät abends erreichten wir unser Ziel, nachdem wir die letzten Kilometer mit 90 Stundenkilometern über holprigen Autobahnen geschlichen waren. Der Aufbau Ost war erst Plan. Zwischen Kreuzberg und Neukölln lag unser Quartier: Irgendeiner von uns kannte jemanden, der uns seine baufällige Bude für das Wochenende überlassen hatte. Die Uhrzeit, stellten wir schnell fest, ist in Berlin meistens egal. Um drei Uhr morgens kehrten wir in eine Kneipe ein, die noch drei Stunden wunderbar kaltes Schultheiss servierte.
Der Platz vor der Gedächtniskirche präsentierte sich am nächsten Tag wie der Markt in Mönchengladbadch-Eicken. Freunde und Bekannte wurden per Handschlag begrüßt. Die wenigen Rot-Schwarzen wurden verhöhnt. Nichts stand uns im Weg.
Wir waren eine brodelnde Masse, als wir die Bahnstation Olympiastadion erreichten. Das Adrenalin rauschte durch uns. Ein trauriger Fan stand am Ausgang mit einem Schild in der Hand: "Suche Karte". Wir gingen zu ihm hin.Ja, wir hätten ein Ticket übrig. Was er bereit wäre zu zahlen. Er habe nur noch 20 Mark knirschte er ohne Hoffnung. Wir gaben ihm die Karte. Wir dachten, wir würden ihm Eintritt zu dem größten Erlebnis seines jungen Lebens verschaffen. Und er auch.
Vier Stunden später waren wir erstarrt. Nach 120 Minuten war das Spiel nicht entschieden. Karlheinz Pflipsen war gerade mit dem vorletzten Elfmeter an Jörg Sievers gescheitert. Pflipsen, das junge Talent. Pflipsen, der eigentlich gar nicht schießen sollte, aber antrat, weil die Routiniers sich gedrückt hatten.
Ein letzter Hoffnungsschimmer: Uwe Kamps pariert Oliver Freunds Strafstoß. Dann läuft der erfahrene Holger Fach an: Flach in die Ecke, Sievers taucht ab und hält sicher. Rot und Schwarz stürmt auf das Spielfeld. Hannover hat die Sensation geschafft. Wir sind, von einer Sekunde auf die andere, nüchtern.
Drei Stunden später fuhren wir erneut über die Buckelstrecke zwischen Berlin und Kassel. Cousine Steffi hatte insistiert, dass wir noch das ganze Wochenende Zeit gehabt hätten, die Stadt anzuschauen. Checkpoint Charlie, die Mauer, den Alex. Ihre männlichen Begleiter konnten nicht schnell genug die Flucht ergreifen. Was soll man durch eine Stadt gehen, wenn man die ganze Zeit nur "Scheiße" schreien könnte.
Das war der Tag, der mir das Schicksal meines restlichen Lebens skrupellos vor Augen geführt hat. Werde niemals Fan eines Fußballvereins. Wieviele Täler musst du durchlaufen, um einmal den Gipfel zu erreichen? Wirst du jemals einen Gipfel erreichen? Es wurde nicht viel gesprochen in den acht Stunden bis wir die kleine Stadt kurz vor der holländischen Grenze erreicht hatten. Es waren die längsten acht Stunden meines Lebens.
Dülp - 3. Mrz, 22:43
5 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Klinkinho - 4. Mrz, 13:08
mannomann
ich hatte es fast vergessen. korrektur, die hannoveraner hatten fanmässig auch schwarz weiss grün. sind deren farben. was die unterscheidung damals etwas schwieriger machte.
naja, dafür hatten wir ja zwei jahre später nen schönen abiball.
glaube ich zumindest.
naja, dafür hatten wir ja zwei jahre später nen schönen abiball.
glaube ich zumindest.
Stefan (Weltsicht Südtribüne) (Gast) - 4. Mrz, 13:55
Schwarzweißgrünrot
Das ist das Problem mit Hannover. Die kennen nicht einmal ihre eigenen Farben. Das Wappen trägt schwarzweißgrün, aber sie nennen sich "die Roten" (und feuern im Gästeblock den HSV an). Komische Leute.
Davon abgesehen: Dülp, wem sagst Du das. Seufz.
Davon abgesehen: Dülp, wem sagst Du das. Seufz.
MythosBayern - 5. Mrz, 19:36
Mir
wird hier zwar sowieso die Berechtigung zur Mitsprache abgesprochen werden, aber ich hatte 1999 ähnliche Erlebnisse mit Barcelona und dem Pokalfinale gegen Werder.
Beim Pokalfinale stand ich im Werder-Block, weil es keine anderen Karten mehr gab - einmal und nie wieder, ich musste nach dem letzten verschossenen Elfer ganz schnell aus dem Block, dem Stadion, der Stadt sonst hätte ich meinen Jähzorn nicht mehr unter Kontrolle gehabt!
Wie gesagt, wir sind in diesem Jahr "zum Trost" Meister geworden, aber Bayern-Fans durchleben diese, von dir angesprochenen, Täler eben anders...
P.S. Auf Smileys habe ich übrigens diesmal verzichtet, dafür ist dieses Thema viel zu ernst!
Beim Pokalfinale stand ich im Werder-Block, weil es keine anderen Karten mehr gab - einmal und nie wieder, ich musste nach dem letzten verschossenen Elfer ganz schnell aus dem Block, dem Stadion, der Stadt sonst hätte ich meinen Jähzorn nicht mehr unter Kontrolle gehabt!
Wie gesagt, wir sind in diesem Jahr "zum Trost" Meister geworden, aber Bayern-Fans durchleben diese, von dir angesprochenen, Täler eben anders...
P.S. Auf Smileys habe ich übrigens diesmal verzichtet, dafür ist dieses Thema viel zu ernst!
Suedtribuene - 6. Mrz, 12:01
Letztlich
läuft es alles auf den großartigen Satz von Nick Hornby hinaus (der beste im ganzen Buch):
"Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden."
"Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden."

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