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Freitag, 9. September 2005

Heil dem Kaiser

Ist es ein Zufall, dass gerade Franz Beckenbauer den Beinamen "Kaiser" trägt, oder ist es eine drollige Laune des Schicksals? Erinnern wir uns an den letzten wahren Kaiser, den Deutschland hatte: Wilhelm II. Durch die Medien wurde er zur deutschen Lichtgestalt.

Zugegeben, Franz Beckenbauer hat die Halbwertzeit des Hohenzollern weit überschritten und musste nicht ins Exil gehen. Ganz im Gegenteil. Die Strahlkraft scheint für 100 Jahre zu reichen. Aber warum?

Ein kurzer Blick auf die Vita genügt, um zahlreiche potentielle Skandale zu erkennen:

Mit süßen 17 Jahren wurde er zum ersten Mal Vater - egal, da kannte noch keiner den Namen des Talents. Der Giesinger Junge konnte sich ausuchen, ob er zu den 60ern wechselt, oder zu den Zweiten in der Stadt, zum FC Bayern.

Als er alles erreicht hatte, Weltmeister, mehrfacher Deutscher Meister, Pokalsieger und Europapokalsieger war, da erdrückten ihn Steuerschulden. Eine halbe Million blätterte er auf den Tisch, um zu Cosmos New York wechseln zu dürfen. Er stieß sich gesund, lernte Andy Warhol und Woody Allen kennen.

Mit 56, scheinbar glücklich verheiratet, zeugte er mit seiner Angestellten ein Kind. Er verließ seine Gattin und setzt einen weiteren kleinen Sonnenkönig in die Welt. All das schiebt er auf den lieben Gott. Der freue sich über jedes Kind. Eine bezwingende Logik. Fragt Ratzinger.

Paul Breitner, einen den Deutschland insgeheim hasst, brachte es auf den Punkt: "Er hat alles gemacht, was ein Deutscher nicht machen darf: Sich scheiden lassen, die Kinder verlassen, mit der Freundin abhauen, Steuerschulden, die Freundin wieder verlassen."

Bei all dem scheint ein geheimer Pakt zwischen der Boulevard-Presse und Beckenbauer zu bestehen: Habt Gnade mit mir und ich gebe euch Kolumnen. Es wirkt. Kann es diese eine andere Erklärung geben, dass selbst die Bild-Zeitung am Kaiser scheitern könnte? Dass er zu erhaben ist, um Fäkal-Journalismus über ihn zu ergießen? Dass an ihm alles abperlt wie an einer Teflon-Pfanne?

Natürlich war er anders in seiner Spielweise. Er stand für die furiose Bayern-Ära in den 70ern. Er stand für die WM 74. Kurzer Halt: Waren es nicht die Gladbacher, die den begeisternden Fußball in der Bundesliga boten? Waren es nicht die Niederlande, die den WM-Titel wirklich verdient hatten? War es Glück, dass Beckenbauer immer wieder die Schale, den Pokal oder was auch immer hochhalten durfte? Nein, ausschließlich Glück bestimmt nicht. Er war ein herausragender Fußballer in Mannschaften, die oft nicht geglänzt haben, aber immer erfolgreich waren.

Sein Geheimnis liegt nicht nur in der Zeit, als er neben Pele als der Fußballer schlechthin gegolten hat. Unfassbar begnadete Fußballer seines Kalibers gab es zwar selten, aber dennoch konnte sich kaum einer dieses unantastbare Standing erarbeiten.

Vor allem die Zeit nach seiner aktiven Karriere (die übrigens bei dem HSV ausgeklungen ist - kann sich noch jemand erinnern?) sorgte für die Unsterblichkeit. Er hat nie etwas freiwillig angepackt. Einen Beckenbauer musste man immer bitten.

Teamchef? Eigentlich nicht, aber weil ihr es seid, na gut, häng ich mir das halt ans Bein. Erinnert sich noch jemand an die kläglichen Vorstellungen in der WM-Qualifikation 1990? Als in der letzten Minute, im letzten Spiel das entscheidende Tor gegen Wales fiel? Nein, der WM-Titel überstrahlt alles. Wie der Kaiser wie hypnotisiert über das Spielfeld spazierte. Ich war damals 14 und saß in Österreich, Familienurlaub, während in Deutschland die Autokorsos durch die Innenstädte fuhren.

WM-OK-Leiter? Nicht wirklich, aber wenns kein anderer macht, na gut. "And the World Cup goes to...Deutschland!" Denkmal endgültig gesetzt.

Dass er von den Folgen seiner werblichen Prostitution gänzlich verschont bleibt, ist nur ein weiteres Indiz seiner Unantastbarkeit. Von ""Knorr in den Teller - Kraft auf den Tisch" bis "Ja ist denn heut' schon Weihnachten?" kann er sich alles erlauben, ohne auch nur annähernd ernsthaften Spott ertragen zu müssen. Ganz zu schweigen von seiner Integrität. Wenn Franz spricht, hört Deutschland zu. Oder, wie Andre Heller es ausdrückte: "Wahrscheinlich ist er so mächtig, dass er sogar Regierungen stürzen könnte.”

Ein wahrer Kaiser eben. Doch eben da widerstrebt es mir, bei aller Anerkennung der Leistungen, mich zu verbeugen. Einem dem alles zugeflogen ist, der jeden um den Finger wickeln kann, der selten Gegenwind spürt, der alles in Gold verwandelt, was er anpackt, dem vertraue ich nicht. Der ist nicht meine Kragenweite. Katsche Schwarzenbeck, wann bist Du eigentlich 60 geworden?

Tales from the Kreisliga Teil 6: Viele Spieler, wenig Punkte

Kenner reiben sich die Augen, wenn sie donnerstags dem Training auf dem staubigen Geläuf am Siegener Giersberg beiwohnen: 35 Spieler tummeln sich da, wo in der letzten Saison bei sonnigem Wetter an einem guten Tag 16 Wackere dem Ball hinterher jagten. Expansion nennt man so etwas. Die gute Stimmung scheint sich rumgesprochen zu haben, die Neuzugänge sind zahlreich. Logische Folge ist ein angeheizter Konkurrenzkampf.

Während sich in der 1. Mannschaft ein 15-Mann-Kader herauskristallisiert hat, ist vor allem in der Reserve die Stimmung unter denen, die hinten an stehen, gedrückt. Kein Wunder: Wer wird schon gerne in der Kreisliga C auf die (imaginäre) Tribüne aussortiert. Fakt ist: Von 20 Leuten können höchstens 14 zum Einsatz kommen.

Doch auch bei der Ersten gibt es keine Persilscheine mehr: Um jeden Stammplatz wird gekämpft - insbesondere im Mittelfeld, wo ein Überangebot herrscht. Die eher phlegmatische Einstellung der letzten Spielzeit ("Was soll ich laufen - ich bin doch eh gesetzt") ist wie weggeblasen. Stattdessen gibt es eisenharte Zweikämpfe, kompromissloses Einsteigen und Sprintduelle bereits beim Fünf gegen Zwei zum Warmmachen.

Genutzt hat das alles leider bisher nichts. Klägliche zwei Punkte aus drei Spielen stehen auf dem Konto. Eine Ausbeute, die der Leistung nicht gerecht wird. In zwei Spielen war der Gegner klar unterlegen, Chancen boten sich zu Hauf, doch immer wieder wurden die alten Schwächen deutlich: Bis zum Sechzehnmeterraum läuft der Ball durch die Reihen, doch dann prallte er wie von einer unsichtbaren Wand ab. Auf der anderen Seite wird der Gegner durch individuelle Fehler und Unkonzentriertheiten in das Spiel zurück gebracht.

Übermorgen bietet sich die nächste Chance, drei Punkte klar zu machen. Zum ersten Mal werde ich in dieser Saison von Beginn an eingreifen und habe mir natürlich einiges vorgenommen. Das heißt am Samstag kein Bier ab 17.30 Uhr, Alkohol wird nur noch äußerlich in Form von Franzbranntwein angewendet und zum Frühstück ein Mettbrötchen (Ihr wisst schon: rohes Fleisch!) eingeworfen.

Für alle, die gerne Fotos von dem großartigen Trainingslager in Schillingsfürst haben möchten: Die gibts jetzt bei Flickr.

Würstchen, böse Verletzungen und weitere Kleinigkeiten

Zum Abschied sagt Marek Heinz in der Sport-Bild leise Servus. Sein fachmännisches Fazit nach drei Intermezzos Intermezzi Gastspielen im Land der Dichter und Denker:

Wissen Sie was? 80 Prozent der Deutschen sind Kritiker, haben das Gefühl, sie seien selbst alle Trainer. Dabei quatschen doch alle nur. Jeder in Deutschland meint, er kann im Fußball mitreden. Aber diese Leute sind mir alle scheißegal. Machst du ein schlechtes Spiel hier, hast du 20 Leute, die dir sagen, was du ändern musst. Alles in Deutschland ist zu sehr nach Schnellschüssen ausgerichtet, zu wenig auf Ausgewogenheit bedacht.

Aber wir können aufatmen, nicht alles ist hierzulande schlecht:

Eines können die Deutschen super: Würstchen machen.

Machs gut Marek!

Wo wir gerade bei Sport-Bild sind. Im Fachblatt für seriöse Berichterstattung darf sich Jens Nowotny zu seiner Lohnfortzahlungsklage gegen Bayer Leverkusen äußern:

Es geht mir nicht um Ansprüche, es geht um mein Recht.

Klaro! Die Kohle ist völlig egal - vor allem seinen Anwälten und Beratern. Die machen das aus reinem Gerechtigkeitsstreben.

Kommen wir lieber zu etwas Erfreulicherem, sprich Lustigerem. Wer den SpOn liest, kennts wahrscheinlich schon: Die sechs folgenschwersten Torjubel.

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