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Montag, 30. Mai 2005

Saisonrückblick: Hansa Rostock

Ein Lob vorweg: Kein Verein hat sich so lange mit ähnlich bescheidenen Mitteln in der ersten Liga gehalten als Rostock. Seit ihrem zweiten Bundesligaaufstieg waren die Ostdeutschen oft bedroht, schafften aber immer wieder den Klassenerhalt und schrammten zweimal nur knapp an der UEFA-Cup-Quali vorbei. Eigentlich war es nur logisch, dass es irgendwann auch die Hansa erwischen würde. Ähnlich wie Freiburg ist sie in einem gewissen Maß darauf angewiesen, dass vieles zusammen passt.

Gerade für Mecklenburg-Vorpommern, die strukturschwächste Region Deutschlands, ist Hansa Rostock eine wichtige Identifikationsfläche und Quelle von gemeinschaftlichem Selbstbewusstsein. Doch gerade da scheint der Zuschauerschnitt von lediglich 19.020 etwas mager.

Eine der Hauptursachen des Abstiegs ist der Weggang von Martin Max. Deutlich wird die Lücke, die der Torjäger hinterlassen hat an der katastrophalen Chancenauswertung von nur 19 Prozent. Warum die Hansa regelmäßig in der zweiten Halbzeit eingebrochen ist (Platz 12 in der Tabelle der ersten Hälfte), bleibt ein Rätsel. Vielleicht hat Juri Schlünz in der Vorbereitung die Konditionsarbeit vernachlässigt.

Auch Jörg Berger konnte, trotz einer akzetablen Bilanz in den letzten Spielen, als Trainer nicht überzeugen. Zehn Spiele brauchte er, bis zum ersten Sieg - mehr als enttäuschend. Ebenfalls unerklärlich ist die Heimschwäche in der ersten Halbserie. Völlig ohne Selbstbewusstsein verlor Rostock acht Spiele in Folge.

Auffallend an der Personalstrategie des Vorletzten: Wie beim SC Freiburg wurden kaum neue Leistungsträger verpflichtet, sondern auf den alten Kader gesetzt. Ein Zeichen, dass eine Mannschaft neue Impulse braucht, um nicht in Selbstzufriedenheit zu verfallen.

Neues Deutschland

Kurz vor dem Turnier um die goldene Ananas Confed-Cup plaudern die deutschen Verantwortlichen über die neue Philosophie der Nationalmannschaft. Was dabei Oliver Bierhoff zum Besten gibt, hat ihm bei seinem Marketing-Professor an der Fern-Uni Hagen wahrscheinlich eine Eins mit drei Sternchen eingebracht, dem durchschnittlichen Anhängerdürften die Aussagen hingegen reichlich befremdlich vorkommen.

Per Merthesacker nennt der Kommunikationsfachmann im Trainerstab quasi als Vorbild für künftige Nationalspieler, weil der hat Abitur und macht jetzt Zivildienst. Von seinen Kickern verlangt er, er müsse ein Bewußtsein vorhanden sein, gewisse gesellschaftliche, politische Standpunkte zu vertreten. Damit das auch gelingt, hat er dem kompletten Kader ein wenig Lektüre überreicht: "Denke nach und werde reich" von einem gewissen Napoleon Hill (kurz darauf sollen aus Stuttgart Gerüchte laut geworden sein, Kevin Kuranyi habe sich in einer örtlichen Videothek nach der Verfilmung erkundigt. Zwei Tage später kam ihm der Geistesblitz: Hey! Ich bin doch schon reich. Scheiss auf's Nachdenken).

Wie die Nationalspieler selbst zumThema "Gesellschaftliche Verantwortung" und "Vorbildfunktion" stehen, das stellte Gerald Asamoah eindrucksvoll unter Beweis. Völlig besoffski stolperte er nämlich nach der Niederlage im Pokalfinale am Gelsenkirchener Hauptbahnhof aus dem Zug, um vor Fans und WDR-Kameras "Schiebt den Bayern die Schale in den Arsch" zu intonieren. Ein lustiges Foto davon gibt es zum Beispiel hier.

Jürgen Klinsmann, Chef des ganzen Ladens, glaubt wieder eine feste Linie installiert zu haben. Nein, nicht nur eine Linie, sondern eine e Identität in Deutschland. So wie sie die Niederländer haben, die seit Jahren zu ihrem 4-3-3-System stehen, oder die Franzosen, die durch die 98er und 2000er Mannschaft wieder zu sich gefunden haben. Nun ja, zumindest hat er eine gewisse Euphorie geschürt, der Nation den Glauben an den Titel zurückgegeben und eine Menge junger Spieler ausprobiert. Aber die Glaubwürdigkeit solcher Aussagen leidet natürlich darunter, und da kann Klinsmann gar nix dafür, dass der Beweis im Ernstfall bis zum Ernstfall nicht angetreten werden kann.

Siegen sieht wieder Grün

Dramatische Szenen ereigneten sich am Samstag im Siegener Leimbach-Stadion. In der 93. Minute verspielten die Sportfreunde beinahe alle Aufstiegambitionen, als die Amateure von Mainz 05 den Ausgleich erzielten. Nur ein Ausrutscher des FC Augsburg am letzten Spieltag kann den Siegenern noch die zweite Liga retten. Oder vielleicht doch nicht? Denn die Führungsriege der Siegener prüft ernsthaft einen Einspruch beim DFB, da mit Torhüter Christian Wetklo unter Umständen ein nicht einsatzberechtigter Spieler auf dem Platz stand. Sollten die Sportfreunde tatsächlich die drei Punkte am grünen Tisch einfahren, würden sie an eine gute alte Tradition anschließen. Denn in den letzten beiden Saisons konnten sie sich sportlich nicht für die Regionalliga qualifizieren und profitierten von der Insolvenz anderer Vereine. Und auch in dieser Spielzeit konnten sie bereits einen Sieg gegen Aufstiegskonkurrent SV Wehen über ihre Rechtsabteilung erringen.

Hype um die Hütte

Geht's nur mir so, oder nervt das Trara um die neue Allianz-Arena allmählich? Klar, das Teil sieht ganz geil aus, aber muss man deswegen wirklich etwa 25 Eröffnungsspiele ansetzen? Oder eine Making-of-the-Stadium-Reportage im Bayrischen Fernsehen zeigen, um einen Kranführer beim Anheben von Stahlträgern für die Nachwelt festzuhalten?

Großes Halali herrscht dabei vor allem um Bayern München. Die Heimstatt künftiger Champions-League-Triumphen soll die psychedelische Lava-Lampe des Profifußballs sein. Eine Beschreibung des Standings von 1860 bei dem Geschehen würde mit "stiefmütterlich" noch wohlwollend ausfallen. Denn während der Rekordmeister die Nationalmannschaft zum wahren Eröffnungsspiel begrüßt, müssen die Sechzger gegen den Club ran. Warum, fragt sich der neutrale Beobachter, treten die beiden Münchner Clubs nicht gegeneinander an?

Verlierer dabei sind vor allem die Löwen-Fans. Denn erstens wollen sie gar nicht weg von der Grünwalder Straße und zweitens wird sie derKessel in der zweiten Liga wohl höchstens ausverkauft sein, wenn es in der Endphase um den Aufstieg geht. Wie die Arena hingegen ausschaut, wenn sich lediglich 10.000 Fans im Rund verteilen, kann man erahnen, wenn man den Architekten zuhört.

Die steilsten Tribünen Europas und ein konsequentes Grau im Inneren, das keinen optischen Fixpunkt außer dem Rasen zuläßt, sollen für die dichte und mitreißende Stimmung sorgen, die im Olympiastadion unmöglich schien. Der einzelne Zuschauer soll eins werden mit der Masse.

Trotz allem Gemecker: die Arena ist natürlich ein echtes Highlight, das selbst einen erklärten München-Nichtmöger wie mich in die bayrische Landeshauptstadt locken könnte.

Fragwürdiges Fairplay

Für alle Beteiligten überraschend landete Mainz 05 im Lostopf für die Fairplay-Europacup-Plätze. Zwei von den sechs Mannschaften, die bei dem Glücksspiel vertreten sind, dürfen in der nächsten Saison international antreten. Hannover 96 hatte bereits die Tickets nach Manchester gelöst, wo die Entscheidung am Sonntag fällt. Doch da machte die UEFA einen Strich durch die Rechnung. Denn nicht die Zahl der gelben und roten Karten, nach der allgemein die Fairplay-Tabelle berechnet wird, ist entscheidend, sondern eine recht krude Berechnung. In die fließen das Verhalten der Fans, das Auftreten der Spieler gegenüber dem Schiedrichter und andere Kriterien ein, die eigentlich nur subjektiv bewertet werden können. Den Mainzern ist's Recht. "Unser Ziel hieß schon immer Europa", kommentierte Manager Christian Heidel augenzwinkernd in der Welt.

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